Evangelische Schulstiftung Hamburg e.V.

epd, erschienen am 25.08.2005

Unterricht zwischen Taufbecken und Kanzel
Erste “Schule unterm Kirchturm” in Hamburg

Von UTA KRUSE-ALLGAIER

Hamburg (epd). Das Orgelspiel verstummt. Dafür hört man Geschirrklappern und Schmatzen. Wenige Schritte von Kanzel und Taufbecken entfernt essen die Erstklässler Nudeln mit Tomatensoße. Der Gemeindesaal, der zur Kirche hin durch ein großes Rolltor geöffnet ist, dient als Schulkantine. Der Küster hilft das Essen abzutragen, der Zivi ordnet die Stühle. Und die Kinder laufen zurück in ihre Klasse, wo vor den Sommerferien noch die Senioren Kaffee tranken. Jetzt stehen hier Schultische, Ranzen und auf der Tafel ein dickes E.

Eine Kirche macht Schule. In Hamburg ist die evangelisch- lutherische Paulus-Gemeinde im Stadtteil Hamm die erste, die ihre Immobilien mit Hilfe von Sechsjährigen unterhält: Sie hat eine Grundschule gegründet. Die ersten 22 Schüler sitzen seit Mitte August im ehemaligen Seniorentreff, die nachrückenden Klassen werden im Gemeindesaal lernen, als letztes wird die Kirche für Sachkundeunterricht und Ausstellungen umgerüstet. Die Bänke kommen raus, Stühle rein. Dann ist unterhalb der Kanzel beides möglich: Gottesdienst und Schuldienst.

Dass er es “unerträglich” fände, wenn Kirchen zu Lagerhallen, Autowerkstätten oder Diskotheken umfunktioniert würden, hatte Helge Adolphsen, der scheidende Pastor des Hamburger Michel, in der Kirchenzeitung geschrieben. Aber eine Schule im Gotteshaus hat Adolphsens Segen. “Die Kirche verliert an Boden”, sagt der Mitbegründer der Paulus-Schule, Pastor Matthias Lobe, “da ist die Schule gut, um den Kontakt zu den Menschen wieder zu finden”.

In Hamburg sind zwei weitere “Schulen unterm Kirchturm” in der Planung. Genau wie in der Paulus-Gemeinde handelt es sich um ganztägige private Grundschulen, die von zwei evangelischen Schulstiftungen zusammen finanziert und konzipiert werden. Hamburg liegt damit im Trend. Auch in Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Hessen haben sich in jüngster Zeit evangelische Schulen gegründet.

In den östlichen Bundesländern gibt es sogar einen Boom. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat die evangelische Kirche dort 90 Schulen eröffnet. Zwei Drittel davon Grundschulen. “Eine solche Dichte von Schulgründungen ist in der Geschichte der Bundesrepublik
einmalig”, sagt Jörg Schulz, Referent für Schulentwicklung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). “Die Nachfrage der Eltern ist immens. Im säkularen Osten wird gerade das christliche Profil
nachgefragt.”

Es werden auch Kinder aufgenommen, die anderen Konfessionen oder keiner Glaubensrichtung angehören. Der evangelische Religionsunterricht aber ist Pflicht. Bianca Scholz, Lehrerin der ersten Klasse, möchte, dass christliche Werte auch das Miteinander in den Klassen prägen. “Es geht unter anderem darum, dass man andere nicht verpetzt und Schwächere schützt.”

Die Plätze in den kirchlichen Klassen sind sehr begehrt. Die Paulus-Schule hatte schon Anmeldungen für den nächsten Jahrgang, bevor die erste Tafel im Gemeindezentrum stand. Man weiß es zu schätzen, wenn Pfarrnachrichten und keine Graffiti an den Wänden prangen, wenn christliches Miteinander statt Mobbing die Atmosphäre prägen soll.

Das lassen sich die Eltern etwas kosten: 170 Euro im Monat Schulgeld. Darin enthalten sind das Mittagessen und – auf Wunsch – eine Betreuung von 7.30 bis 17 Uhr. Leben die Eltern von Arbeitslosengeld II, übernimmt der Träger die Kosten.

Bei den neuen Privatschulen christlicher Prägung besteht der Unterricht nicht aus Beten und Büffeln. Sie sind in ihrer Pädagogik sogar besonders reformfreudig. In der Paulus-Schule lernen die Kinder unter Bedingungen, die Eltern wie das Paradies auf Pisa-Erden erscheinen müssen: die kuschelig kleine Klasse mit nur 22 Schülern betreut von drei Pädagoginnen, Gruppenräume nebenan, um einzelne Kinder in aller Ruhe zu fördern.

Das Unterrichtskonzept kann man als Essenz der aktuellen Schulforschung bezeichnen. Dazu gehört nicht nur, dass lernbehinderte Kinder von Begabten lernen sollen, sondern auch die Großen mit den Kleinen. Sobald im kommenden Jahr der neue Jahrgang nachrückt, werden Fünfjährige zusammen mit Achtjährigen rechnen oder schreiben.

Schulz, der EKD-Geburtshelfer für neue Schulen, arbeitet mit Erziehungswissenschaftlern der Universitäten Jena, Halle und Hildesheim zusammen. Die Empfehlungen münden jedoch nicht in ein Einheitskonzept. “Wir setzen unsere Duftmarken wie ‘Vermittlung von Orientierungswissen’ oder ‘Anbindung an das kirchliche Umfeld’”, sagt Schulz, “aber wir wollen keine Schule von der Stange.”

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